Tipps

Das Probespiel ist in jeder Hinsicht eine psychische und physische Ausnahmesituation. Wer dabei ist, muss sich in kürzester Zeit beweisen, oft werden den Kandidaten gerade einmal fünf Minuten zugestanden. Es gilt also, auf den Punkt Leistung zu erbringen.

Der erste Eindruck

Kurz vor dem Betreten des Vorspielraums droht die Nervosität übergroß zu werden. Dennoch gilt es, sich vom ersten Moment an perfekt zu präsentieren. Der erste Eindruck spielt bei jeder Entscheidung mit. Nahezu jeder der interviewten Orchestermusiker räumte ein, auch auf das Auftreten und das Äußere des Kandidaten zu reagieren. Generell gilt: eine freundliche Begrüßung und ein kurzer Blick in die Runde (bei nicht vorhandenem Vorhang) werden positiv bemerkt. Gleiches gilt für eine gepflegte äußere Erscheinung, die suggerieren soll, dass man das Probespiel ernst nimmt und den nötigen Respekt vor der Sache hat. Der Kleidungsstil ist Teil der Persönlichkeit des Bewerbers, daher gibt es keine genauen Vorgaben, was getragen werden soll. „Die Kleidung sollte sauber und ausreichend sein“, schrieb ein Musiker. Zwischen Abendkleid und Anzug (beides wirkt allzu aufgesetzt) und bauchfreiem Top und zerrissener Jeans ist also alles erlaubt. Auf auffällige Details wie sichtbare Piercings etc. sollte verzichtet werden, um in diesem Punkt eine möglichst geringe emotionale Angriffsfläche zu bieten. Ein konzentriertes, ruhiges Betreten des Raums vermittelt eine positive, selbstbewusste und souveräne Ausstrahlung. Ein sympathischer erster Eindruck erhöht die Chance, dass sich die Orchestermitglieder den Kandidaten als zukünftigen Kollegen vorstellen können.

Die musikalische Darbietung

Die Hauptsache eines Probespiels bleibt die musikalische Darbietung. Alle befragten Orchestermusiker sehen ihre Prioritäten bei der Bewertung des Bewerbers in den musikalischen Komponenten Intonation, Klang, Technik, Phrasierung, Artikulation, Ton, Rhythmik und Dynamik. Es versteht sich von selbst, dass jeder Bewerber Pflicht- und Wahlstück perfekt beherrschen muss. Dabei sollte damit gerechnet werde, dass nicht zwangsläufig am Ende der Durchführung abgebrochen wird. Gerade der erste Satz des Pflichtkonzerts muss komplett beherrscht werden. Wichtig ist auch eine deutliche stilistische Unterscheidung von Pflicht- und Wahlstück. Flexibilität bei Vibrato, Klangfarbe und Phrasierung werden positiv bewertet. Es gilt, aus der Masse der Bewerber in den ersten Runden mittels besonderer musikalischer Persönlichkeit herauszustechen. Die Orchesterstellen werden bei der Vorbereitung oft unterschätzt. Im Ernstfall sind sie es aber, die über die Vergabe der Stelle entscheiden. Es wird empfohlen, sich mit den Werken, denen die Probespielstellen entnommen wurden, vertraut zu machen, um sich über Tempo, Dynamik, Rhythmus und das musikalische Umfeld bewusst zu sein. Der Kandidat sollte auch hier musikalischen Gestaltungswillen zeigen. Wer am Ende eines langen Probespiels die Orchestermusiker mit seiner Darbietung der Orchesterstellen begeistert, hat die beste Aussicht auf Erfolg. Auf übermäßig langes Stimmen oder Einspielübungen vor den einzelnen Stücken sollte verzichtet werden, da dies von der eigentlichen musikalischen Leistung ablenkt.

Außermusikalische Aspekte

Auch außermusikalische Aspekte werden bemerkt. Dazu gehören der Umgang mit dem Instrument (ist der Kandidat souverän oder verkrampft?), die Reaktion auf eigene Fehler (sieht der Kandidat darüber hinweg oder wird er im weiteren Spiel stark davon beeinflusst?), die instrumentale Sicherheit, die Körperhaltung, der Umgang mit der Nervosität und die Aufnahme und Umsetzung von Verbesserungsvorschlägen seitens der Orchestermusiker. Die Kommunikation mit dem Pianisten wird besonders bewertet, hier wird die Fähigkeit zum Zusammenspiel deutlich. Der Kandidat sollte sich in jedem Fall beim Spiel dem Orchester zuwenden und sich nicht hinter dem Notenpult verstecken – dies zeugt von geringem Selbstbewusstsein.

Von Anfang an empfiehlt es sich, sein Augenmerk nicht nur auf die Vorbereitung der Stücke zu legen, sondern ebenso an Auftreten und Erscheinungsbild zu arbeiten. Gerade aufgesetzte Posen oder übertriebene Bewegungen können seltsam anmuten. „Zu viel Show und Bewegung blendet“, so formulierte es einer der befragten Musiker. Es hilft, eine unvoreingenommene Person um ihre objektive Meinung zu bitten oder sich selbst auf Video aufzuzeichnen, um allzu vielen körperlichen und mimischen Eigenheiten entgegenzuwirken. Ebenfalls hilfreich kann ein Probespieltraining sein. Im Rahmen solcher Veranstaltungen legen die Dozenten nicht nur Wert auf eine perfekte Beherrschung der musikalischen Werke, sondern arbeiten auch an Auftreten und Ausstrahlung.

Auch die beste Vorbereitung führt nicht unbedingt zu einer Anstellung. Es gilt, den subjektiven Geschmack des Orchesters zu treffen, der nicht immer der eigene sein muss. Immer häufiger bleiben freie Stellen unbesetzt, brechen Orchester Probespiele ab und setzen neue Termine an, weil keiner der Kandidaten ihren Ansprüchen genügt. Vierzig Versuche, eine Stelle zu bekommen, sind keine Seltenheit. Durchhaltevermögen ist also gefragt.

Für manchen Bewerber dürfte der Inhalt dieses Artikels nicht neu sein, für die anderen wurde er geschrieben. Denn erst wenn eine ansprechende Bewerbung zur Einladung und ein optimaler erster Eindruck beim Probespiel zu einem gewissen Maß an Sympathie führt, tritt das in den Vordergrund, woran lange und hart gearbeitet wurde: die musikalische Darbietung.

 

Sara Täuber: Über die Kunst der gewinnbringenden Selbstdarstellung. Kleiner Leitfaden für angehende Orchestermusiker
erschienen in: das Orchester 1/2009